Experten sehen Nachholbedarf bei mobilen Anwendungen

Deutschland hinkt bei der Nutzung des mobilen Internet anderen Ländern in vielen Bereichen hinterher. Diese Einschätzung teilten Experten auf dem Kongress der staatlich geförderten, 2005 erstmals aufgelegten Initiative Sichere Anwendung der mobilen Informationstechnik zur Wertschöpfungssteigerung in Wirtschaft und Verwaltung (SimoBIT) heute in Berlin.

Harald Korb, Ärztlicher Direktor der Firma Vitaphone, sieht beispielsweise in der Telemedizin Nachholbedarf. Vitaphone bietet – wie Konkurrenten – Produkte für die Überwachung chronischer Patienten mit Herzerkrankungen, Diabetes oder Asthma an. Damit können sie Zuhause eine Selbstkontrolle durchführen und die Werte per Mobilfunk an ein Telemedizinisches Zentrum übertragen. Die Werte werden dort diagnostiziert und an die behandelnden Ärzte verteilt. „Da muss nicht jede Klinik eine Station aufbauen“, unterstrich Korb die Vorteile des Ansatzes, das entlaste bei rund 3,5 Millionen chronisch kranken Patienten in Deutschland die Kassen.

Dass solche Produkte noch nicht flächendeckend eingesetzt werden, liegt laut Korb nicht am Bewusstsein der Versorgten für Datenschutz, sondern an den Hausärzten. Diese würden nicht bedenken, dass nur ein Hausbesuch im Quartal bezahlt werde, sie bei der einschlägigen Patientengruppe aber bis zu 25-mal ausrücken müssten. Zudem gebe es bald nicht mehr ausreichend viele Ärzte.

Martin Gutberlet, Forschungschef bei Gartner, meint, die Einführung des Digitalfunks für die Sicherheitsbehörden habe sich als „Katastrophe“ herausgestellt. Bei Applikationen fürs E-Government liege die Bundesrepublik ebenfalls „weit zurück“. Auch im Unternehmensbereich gebe es Barrieren. So könnten Firmen etwa nicht ohne Befragung des Betriebsrates „Unified Communications“ einführen, da damit rauszubekommen sei, welcher Mitarbeiter gerade wo tätig oder verfügbar sei. Nicht förderlich sei zudem die Fragmentierung von Betriebssystemen im Mobilbereich über mehr als 25 verschiedene Plattformen.

Es gibt aber auch bereits zahlreiche Fälle, in denen Firmen oder Verwaltungen erfolgreich Mobilanwendungen einsetzen. Ulrich Doll vom Maschinenbauer Homag schilderte die Vorteile, die eine mobile Verbindung zu Kundendaten sowie 3D-Zeichnungen für Maschinen den Service-Technikern bringe. Diese Informationen könne ein Wartungsmitarbeiter vor Ort abrufen, der eine komplexe Anlage etwa zur Möbelfertigung überholen muss. Laut dem Münchner Forscher Martin Schmid hat sich bei einer Klimatechnik-Firma die Umstellung auf ein mobiles Wartungsmanagement für Gebäude für 140 Mitarbeiter nach neun Monaten ausgezahlt. Ein Vertreter von Research in Motion (RIM) verwies darauf, dass die Stadt Bonn BlackBerrys zur Parkraumüberwachung verwende und damit Portokosten spare.

Ein Knackpunkt mobiler Anwendungen sind hierzulande noch recht teuren Nutzungsgebühren für die beanspruchte Bandbreite. Man arbeite ständig daran, den Rechnungsschock zu verkleinern, versicherte Alexander Saul, der bei Vodafone Deutschland für Geschäftskunden zuständig ist. Generell verdoppele sich die Datennutzung hierzulande etwa jedes halbe Jahr. Karl Heinz Neumann, Geschäftsführer WIK-Consult und Leiter des Begleitforschungskonsortiums für SimoBIT, forderte mehr Investitionen in die Sicherheit mobiler IT und damit in das „Kollektivgut“ des Vertrauens der Nutzer. Gefördert würden 2007 bis 2011 zwölf Verbundprojekte mit knapp 30 Millionen Euro, wobei die beteiligten rund 60 Partner noch einmal die gleiche Summe einbrächten. Der Schwerpunkt liege auf den Clustern Gesundheitswirtschaft, Maschinenbau, öffentliche Verwaltung sowie Handwerk und Mittelstand.

Dass das Thema Sicherheit zu kurz kommt, will unter anderem Giesecke & Devrient (G&D) verhindern. Der Leiter Geschäftsentwicklung des für seine Banknoten- und Chipkartenerstellung bekannten Hauses, Kai Grassie, erwähnte ein Joint Venture mit Nokia. Ziel sei es, „werthaltige“ Anwendungen wie das Bezahlen auf der nächsten Generation von Mobiltelefonen sicherer zu machen. Dabei würden die beiden Partner etwa auf eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und das Zusammenspiel mit kontaktlosen Chipkarten per NFC (Near Field Communication) setzen. Auch eine SD-Karte für das Verschlüsseln von Gesprächen sei marktreif. Anbieten will G&D dies allein über Konsumentenmarken und Netzbetreiber, die direkten Zugang zum Endkunden haben.

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