Laut und mobil

US-Spitzenforscher prognostizieren Technologietrends für das Internet

Peter Welchering im Gespräch mit Manfred Kloiber

Das Internet kommt langsam in die Jahre. Aus diesem Grund fordern Experten eine Verjüngungskur für die Datenautobahn – etwa mit neuen Konzepten für das Routing der Datenpakete. Wo die Reise hingeht, zeigt die dritte Technologietrendstudie zum Thema „Internet 2020“.

Manfred Kloiber: Mit was für einem Internet werden wir es denn in gut elf Jahren zu tun haben, Peter Welchering?

Peter Welchering: Mit einem lauten und mobilen Internet. So kann man ganz knapp die von PEW, ICANN, Internet Society und World Wide Web Consortium zusammengestellten Trends auf einen Nenner bringen. Mit dem mobilen Internet ist dabei nicht nur das Internet der Dinge, also Funkchips und RFID-Anwendungen gemeint, sondern vor allen Dinge tragbare Endgeräte, die den PC ersetzen und seine Funktionalität in meine Jacke oder in mein Brillengestell und andere Gegenstände des täglichen Lebens verlagern. Die Informationstechnologie in allen diesen Gegenständen ist via Internet vernetzt, und Sprachanwendungen werden dabei dominieren. Das heißt, ich spreche mit der Software, die dann meine Befehle umsetzt, ich diktiere meine Briefe, und ich telefoniere und halte mobile Videokonferenzen.

Kloiber: Das hört sich ja ganz so an, als würde das Datenaufkommen erheblich steigen. Brauchen wir dafür neue Kommunikationsprotokolle?

Welchering: Vor allen Dingen brauchen wir neue Routing-Protokolle, um das Wachstum des Netzes überhaupt noch managen zu können. Wir müssen uns von einigen konventionellen Vorstellungen lösen, zum Beispiel von den bisherigen Routing-Tabellen. Darauf hat der Kommunikationsspezialist Marian Boguna von der Universität Barcelona hingewiesen. Das bisher verwendete Protokoll arbeitet ja mit festen Datenrouten und mehr oder weniger festen Ersatzrouten, wenn mal ein Knotenrechner ausfällt. Jeder Knotenrechner muss dabei eine Liste von Netzwerk-Adressen speichern, das sind die so genannten Routing-Tabellen, damit der Weg zum nächsten Knotenrechner kalkuliert werden kann. Je mehr Rechner am Netz hängen, je stärker das gesamte Datenaufkommen steigt und je mehr Knotenrechner wir haben, um so umfangreicher werden die Routing-Tabellen. Und sie müssen immer häufiger aktualisiert werden. Das Problem dabei: Diese Aktualisierung der Routing-Tabellen führt zu zusätzlichem Datenaufkommen. Deshalb wollen die Experten aus Barcelona diese Routing-Tabellen radial verkleinern. Denn ein Kontenrechner braucht keinen Überblick über das gesamte Netzwerk, sondern nur über die nächsten Empfangsstationen der von ihm weiter geleiteten Daten. Das heißt, dass eine zusätzliche Routing-Analysesoftware auswertet, woher Daten kommen und geschickt werden und mit welchen Wahrscheinlichkeiten dies geschieht. Und aus diesen Wahrscheinlichkeiten werden die Routen berechnet.

Kloiber: Mit welchem Wachstum der Datenmengen wird diese neue Routing-Technologie denn fertig werden?

Welchering: Protokolldaten machen bisher zwischen fünf bis acht Prozent des gesamten Datenaufkommens aus. Allein eine neue Routing-Technologie reicht also nicht aus. Wir müssen vor allen Dingen Daten sparen. Sprachdaten und Videodaten nehmen künftig große Bandbreiten im Internet in Anspruch. Und da werden Datenspartechniken weiter entwickelt werden, die heute teilweise schon eingesetzt werden. Kay Ohse von Polycom erläutert das so.

Diese Entwicklung heißt Error concealment, das heißt, die Pakete die nicht übertragen werden oder nicht zeitnah eintreffen, werden vom Computer berechnet. Das heißt, mir fehlt jetzt eine Dateninformation aus Ihrem Gesicht, dann rechnet der Computer aus den umliegenden Feldern das entsprechende Feld mit aus. Das bedeutet, dass wir heute bis zu zehn Prozent Paketverluste haben können, das ist eigentlich ein Wert, der in der Praxis gar nicht mehr stattfindet, und trotzdem bricht die Leitung nicht zusammen, der Call, also das Gespräch beliebt erhalten und die Bildqualität ist sehr hoch.

Welchering: Das hat zur Konsequenz, dass nicht mehr alle Bild- und Audiodaten transportiert werden müssen, sondern ein immer größerer Teil kann vor Ort berechnet werden. Lediglich die Grunddaten, aus denen dann die übrigen Daten berechnet werden können, die müssen natürlich noch übertragen werden. Und dadurch können schon heute Datenverluste von bis zu zehn Prozent ausgeglichen werden. Wird das konsequent weiter entwickelt lassen sich Schätzungen zufolge um die 20 Prozent der Nutzdaten einsparen.

Kloiber: Da geistert ja immer wieder das Schlagwort vom Next Generation Network durch die Debatten, das ja unser heutiges Internet komplett ablösen soll. Wie sieht denn da die Prognose der PEW-Forscher aus?

Welchering: Konservativ zurückhaltend. 80 Prozent der von PEW befragten Experten nehmen an, dass es die heutige Internet-Architektur in den Grundzügen auch im Jahr 2020 noch geben wird – allerdings mit Modifikationen, wie zum Beispiel bei den Routing-Tabellen. Weil die Endgeräte mobil sind, wird natürlich die Funkübertragung eine größere Rolle spielen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: